Information zum Reha-Sehtraining
Vorhandenes erhalten, Verlorenes zurückgewinnen
Rehabilitationsmaßnahmen zur Verbesserung der Sehleistung bei erworbenen zerebralen Sehschäden
von Christine Paul
Die Rehabilitation des Sehens ist nach Hirnläsionen oft Voraussetzung für weitere Therapieschritte.
Ist Sehen schwierig? Wohl die meisten Menschen werden diese Frage mit "nein" beantworten, denn Sehen ist nahezu unbewusst mühelos. Ohne Probleme stellt das Sehsystem alle Informationen bereit, die man zum Lesen dieser Zeilen, zum Erkennen von Gegenständen oder zur Planung und Durchführung eigener Bewegungen benötigt. Bei Patienten mit zerebralen Sehstörungen nach Hirnläsionen ist diese Mühelosigkeit des Sehens mit einem Schlag vorbei. Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache solcher Sehstörungen. Schlaganfälle nehmen an Häufigkeit signifikant zu, die Betroffenen werden immer jünger und die zivilisatorischen Gesundheitsrisiken immer höher. Patienten mit zerebralen Sehstörungen suchen Hilfe in Augenarztpraxen, Augenkliniken und orthoptischen Einrichtungen.
Leidet ein Patient nach einer Hirnschädigung an Sehstörungen, bilden diese oft das höchste Störpotenzial für andere Therapien:
- Wieder gehen lernen mit einer nicht erkannten Hemianopsie nach rechts?
- Hirnleistungstraining am PC mit Doppelbildern?
- Lesen als Erholung und Information mit reduzierter Sehleistung?
Viele Therapien können so komplett ausgebremst werden. Wen wundert es, dass im multidisziplinären Behandlungsteam der Wunsch nach Sehverbesserung an erster Stelle steht? Deshalb ist die Erwartungshaltung groß: Hilfe für die Augen soll vom Augenarzt kommen.
Mit fünf Basisschritten in Diagnostik und Therapie wird unkompliziert und im üblichen Behandlungszeitrahmen bei vielen Patienten das Sehproblem bereits zu bessern sein. An erster Stelle stehen der morphologische Augenbefund und die neuroophthalmologische Befunderhebung, an zweiter Stelle der ausführliche orthoptische Befund. Es folgt die Verordnung auch geringster Brillenwerte für optimale Sehschärfe in Ferne und Nähe, wenn erforderlich Prismenausgleich bei Diplopie und die Abklärung des Bedarfs an vergrößernden Sehhilfen und/oder optischen Hilfsmitteln. Der fünfte Schritt ist die genaue Krankheitsaufklärung des Patienten und auch der Angehörigen. Nur wenn der Betroffene das Ausmaß seines Schadens am Sehsystem genau kennt, kann er Kompensationsstrategien entwickeln.
Auch bei noch so stark gestörtem Sehen muss man dem Patienten Möglichkeiten aufzeigen, die ein Mindestmaß an Sehanwendung, Lesen und sinnvoller Beschäftigung unterstützen. Wird dies nach den fünf Basisschritten nicht möglich, wird mit dem Patienten ein Reha-Sehtraining durchgeführt. Orthoptistinnen haben hierfür ein Therapiekonzept, für das sie sich in speziellen Weiterbildungsseminaren qualifiziert haben.
Das Reha-Sehtraining beinhaltet je nach Bedarf Akzeptanztraining mit vergrößernden Sehhilfen, optischen Hilfen und Übungen zur Rückgewinnung der Lesefähigkeit sowie Lesetraining und Erlernen von Suchstrategien. Fusionsschulungen sind häufig indiziert, da Gesichtsfeldausfälle dauerhaft mit Fusionsschwächen und entsprechenden asthenopischen Beschwerden einhergehen.
Das Reha-Sehtraining durch die Orthoptistin kann durch visuelle Stimulation und visuelles Mobilisieren eine Verbesserung der Sehquantität und -qualität erreichen. Ziel ist es, Sehstörungen durch Aktion zu verbessern, dem Patienten Techniken und Strategien zu vermitteln, die ihm helfen, sein Sehen zu stabilisieren und gegebenenfalls zu rehabilitieren. Höchstes Ziel des Reha-Sehtrainings ist der Erhalt beziehungsweise die Rückgewinnung der Lesefähigkeit.
Die Orthoptistin betreibt die visuelle Stimulation systematisch aufbauend mit einem zeitökonomisch angelegten "Hausaufgabensystem". Es eignet sich für Praxis und Klinik, ambulant und stationär. Das Reha-Sehtraining hat gegenüber dem reinen PC-Training den Vorteil, dass es natürliche, vertraute Sehbedingungen aufgreift. So lassen sich verloren gegangene Fertigkeiten erfolgreich schulen. Augenärzte erkennen den Stellenwert der visuellen Rehabilitation und werden ihren Patienten geeignete Maßnahmen und Therapien vorschlagen. Sie können so den Patienten vor sinnlosen und teuren Heilversprechen isolierter maschineller Übungsprogramme schützen.
Keinem Patienten sollte eine visuelle Rehabilitation vorenthalten werden, denn sie ist in der Augenheilkunde fachkompetent, zeitsparend und relativ kostengünstig möglich.
Aus: , 2. Kongressausgabe 03/2004
(Artikel zum Vortrag vom 20. März 2004, AAD-Kongress Düsseldorf)
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Rehabilitationsmöglichkeiten bei Patienten mit Sehstörungen nach erworbenen Hirnschäden
Bedarf wächst stetig
Anlaufstelle für Patienten mit Sehstörungen nach erworbenen Hirnschäden sind zunehmend die Orthoptischen Einrichtungen.
von Christine Paul
Der Bedarf an Diagnostik und Therapie bei Patienten mit Sehstörungen zum Beispiel nach Schlaganfall, SHT, Hirnblutungen oder Tumoroperationen ist groß. Von 500.000 Menschen, die in der BRD jährlich eine Schädigung des Gehirns erleiden, haben 30 Prozent massive Störungen des Sehens.
GF-Ausfälle, Augenmuskelparesen, Motilitätsstörungen, Fusionsschwächen, der Verlust scharfer Bilder, Störungen der Adaption und Farberkennung, mangelndes Kontrastsehen und Störungen des Raumsinnes sind die häufigsten Beschwerdebilder. Anlaufstelle für diese Patienten mit Sehstörungen nach erworbenen Hirnschäden sind zunehmend die Orthoptischen Einrichtungen (Einheit von Augenarzt und Orthoptistin) in Augenarztpraxen und Augenkliniken.
Immer mehr Orthoptistinnen spezialisieren sich auf die umfassende Diagnostik und Therapie in diesen Fällen. Ich selbst habe - in Ravensburg umgeben von Reha-Kliniken - Ende der Achtzigerjahre ein Therapiekonzept auf der Basis neuropsychologischer Grundlagen entwickelt. Die diagnostische Vorgehensweise, die Einsatzmöglichkeiten optischer Hilfen sowie ein aufbauendes Reha-Sehtraining habe ich 1995 in einem Therapieleitfaden für Orthoptistinnen veröffentlicht.
Für die Arbeit mit diesem Therapieleitfaden ist eine Zusatzqualifikation der Orthoptistin, die in den spezifischen Seminaren des BOD erworben werden kann, notwendig. So ist die Orthoptistin in der Lage, diese spezielle zuwendungsintensive Diagnostik und Therapie fachkompetent durchzuführen.
Nach ausführlicher Diagnostik durch den Augenarzt und die Orthoptistin erfolgt die Entscheidung über die Notwendigkeit einer visuellen Rehabilitation mit dem Reha-Sehtraining. Darin wir die visuelle Stimulation systematisch aufgebaut. Das Übungsprogramm ist in Lektionen unterteilt, die ein steigendes Anforderungsprofil haben. Jede Lektion beinhaltet folgende Elemente:
- In einer einführenden Trainingssitzung wird dem Patienten das Lernziel erläutert. Er erhält Aufgaben für das Training zu Hause.
- In weiteren Trainingslektionen sind differenziert die Aufgabenstellungen nach Schäden oder Ausfällen eingeteilt. Zahlreiche praxisnahe Beispiele und Übungsblätter erlauben die Ausdehnung des Sehtrainings ebenfalls auf den häuslichen Bereich des Patienten.
- Bei weiteren Terminen wird der Erfolg geprüft und das Anforderungsprofil gesteigert.
Das Reha-Sehtraining kann durch visuelle Stimulation eine Förderung des sehgestörten Verhaltens und durch visuelles Mobiliserien eine Verbesserung der Sehqualität und -quantität erreichen.
Durch sein "Hausaufgabensystem" ist es strukturierbar und sehr zeitökonomisch angelegt. Dabei verspricht die Orthoptistin nicht die Heilung von Gesichtsfeld-Ausfällen, vielmehr vermittelt sie Strategien im Umgang mit der gestörten Sehfunktion, auch unter Anwendung optischer Hilfen. Die Größe des Gesichtsfeldes ist nicht zwangsläufig ein Parameter für Patientenzufriedenheit und verbesserte Lebensqualität.
Das Reha-Sehtraining hat gegenüber reinem PC-Training den Vorteil, dass es natürliche vertraute Sehbedingungen aufgreift und sich so verloren gegangene Fertigkeiten erfolgreich schulen lassen. Dies bedeutet Training der Lesefähigkeit und Hand-Auge-Koordination sowie der Lagebeurteilung des Körpers von Dingen im Nahbereich, dies gegebenenfalls mit verbessernden, bedarfsorientierten optischen Hilfen wie Prismen und vergrößernden Sehhilfen.
Aus: , Ausgabe 02/2001 "Kongressausgabe 1"
(Artikel zum Vortrag vom 6. März 2001, AAD-Kongress Düsseldorf)
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